Das Gespräch mit Silvia Brandi führten Peter Brandl-Rupprich und Veronika Tanton
Liebe Silvia, danke, dass du dir Zeit für uns nimmst.
Kannst du uns ein bisschen über dich erzählen?
S.B: Ich bin in einem ganz kleinen Ort in der Nähe von Turin geboren. Ich habe in Mailand Architektur studiert und dort meine Karriere begonnen. Dann bin ich nach Barcelona gezogen und habe dort 20 Jahre lang gelebt. Von dort bin ich aus persönlichen Gründen aufs Land nach Österreich gezogen, auf den Bauernhof, von dem mein Partner stammt.
Du hast also einen Weg von Italien nach Spanien und dann hierher in die Südoststeiermark genommen. Du hast in großen Städten gelebt. Dieser Ort ist sehr klein, nun ja, auch weit weg von der Welt.
S.B: Es ist, weißt du, ein Moment im Leben, in dem man einfach genug von den Städten hat und eine andere Beziehung zur Natur und zur Umwelt entwickelt. Und außerdem bin ich froh, dass meine Familie, meine Töchter in einer natürlicheren Umgebung aufwachsen können. Auf der anderen Seite geht es beim Farm-lab-Projekt ja auch darum, Menschen hierher zu locken. Und genau das passiert ständig. Es kommen Menschen aus aller Welt – im wahrsten Sinne des Wortes – hierher zum FarmLab und verbringen hier einige Zeit.
Wir kommen darauf gleich zurück. In Barcelona hast du den Aspekt der Nachhaltigkeit besonders verfolgt. Wie war denn dein Ansatz dazu?
S.B: Interessante Frage. Nun, nachdem ich dort als Architektin tätig war, habe ich meine Arbeit am Institut für fortgeschrittene Architektur Kataloniens (IAAC) aufgenommen, einem Forschungsinstitut und regionalen Zentrum, das untersucht, wie sich die digitale Revolution auf unsere Städte und unsere Lebensweise auswirkt. In unserer Forschung spielte Nachhaltigkeit eine sehr wichtige Rolle, da der Bausektor ein Bereich ist, der das Ökosystem am stärksten belastet und beeinflusst. Daher war diese Idee, Architektur neu zu überdenken und das gesamte Spektrum der Nachhaltigkeit zu betrachten, ein sehr wichtiger Grundpfeiler. Und so konnte ich beobachten, wie sich meine Sensibilität während meiner Arbeit am Institut für fortgeschrittene Architektur Kataloniens entwickelte.
In einer Zusammenarbeit zwischen Barcelona und London haben wir "Atlas of the Future" ins Leben gerufen, eine Online-Plattform, die innovative Projekte aus aller Welt kartografiert, die sich mit drängenden Herausforderungen wie sauberem Wasser, Kreislaufwirtschaft und neuen Materialien befassen. Die Idee dahinter war, praktische Lösungen für eine nachhaltigere Zukunft zu identifizieren und miteinander zu vernetzen.
Aufbauend auf dieser Recherche entwickelten wir das "Fixing the Future Festival" in Barcelona, zu dem wir jedes Jahr rund 25 der relevantesten Initiativen einluden, um ihre Arbeit persönlich vorzustellen. Ich leitete sowohl die Plattform als auch das Festival und prägte deren kuratorische Ausrichtung und Entwicklung.
Und läuft das Projekt dort noch?
S.B: Nicht wirklich. Denn schon als wir anfingen, gab es Finanzierungsprobleme, und dann waren wir nicht mehr vor Ort.
Inwiefern steht deine Verbindung zur Kunst mit dem Bereich der Nachhaltigkeit und neuen Technologien in Zusammenhang?
S.B: Hier in Österreich haben mein Partner und ich das Projekt "The FarmLab" ins Leben gerufen, ein Labor für digitale Fertigung auf unserem Bauernhof. Es ist also sowohl ein Bauernhof als auch ein Fab Lab. Wir verfügen über 3D-Drucker, Laserschneid- und Fräsmaschinen sowie alle Technologien, die mit der digitalen Fertigung zu tun haben. Unser Ziel ist es jedoch, Wege zu finden, wie sich digitale Technologien im ländlichen Raum und in enger Verbindung zum Handwerk einsetzen lassen. Wir versuchen also, alte Technologien und traditionelle Handwerksmethoden mit neuen Technologien zu verbinden. Ich betrachte das nicht als Gegensatz, sondern als eine Weiterentwicklung des Handwerks. Mein Ziel und mein Fokus liegen daher eher auf der handwerklichen Seite. Mein Partner hingegen ist der Experte für digitale Fertigungstechnologien.
Und damit holt ihr also Künstler:innen hierher auf den Hof?
S.B: Ja. Als "FarmLab" verstehen wir uns als Plattform, auf der Künstler:innen und Kunsthandwerker:innen willkommen sind, um ihre eigenen Projekte zu entwickeln. Deshalb laden wir regelmäßig Künstler:innen und Forscher:innen im Rahmen von Residenzprogrammen ein; sie kommen hierher und bleiben einen Monat – auch länger oder kürzer –, um ihre Projekte voranzubringen.
Außerdem helfen wir ihnen dabei, ihre Projekte im Hinblick auf Nachhaltigkeit weiterzuentwickeln. So unterstützen wir sie dabei, ihren Fokus auf natürliche Materialien oder nachhaltige Verfahren neu zu überdenken. Die Gäste, die hierherkommen, bringen Ideen mit und gehen mit neuen Ideen fort.
Ein Beispiel: Die tschechische Künstlerin Barbara Rakovska, die mit Wurzeln arbeitete und daraus Stoffe herstellte, indem sie mit unserem 3D-Drucker Formen druckte und die Wurzeln darin wachsen ließ. Anschließend trocknete sie diese und fertigte daraus pflanzliche Spitze an.
Also da kommt das Traditionelle hinzu?
S.B: Ja, denn sie entwirft diese Stücke auf der Grundlage der Stoffmuster ihrer Familie, die im Einklang mit der Natur entstanden sind. Und so gibt es auch andere Techniken, die sie einsetzte – nicht nur den 3D-Druck, sondern auch das Fräsen von Bienenwachs. Wir haben sie dazu ermutigt, natürliche und nachhaltige Materialien wie Bienenwachs für den 3D-Druck zu verwenden.
Das ist interessant, denn wir bieten diesen Sommer einen Workshop mit Bienenwachs an. Du bist mit zwei Workshops im Programm.
S.B: Ja, einen Workshop, wo wir 3D Cutter dafür einsetzen, aus textilen Elementen Objekte zu gestalten. Ich arbeite aber auch viel mit Wolle, denn Wolle ist ein superinteressantes Material, und wenn man Schafe hat, steht davon reichlich zur Verfügung. Derzeit gilt Wolle in Europa als Abfallstoff, was wirklich schade ist, denn wir haben Plastik und verbrennen Wolle. Das ist doch verrückt! Deshalb laden wir auch unsere Forscher:innen und Künstler:innen ein, mit Wolle zu arbeiten und sich neue Verwendungsmöglichkeiten dafür auszudenken. Ich interessiere mich auch für natürliche Farbstoffe, denn Wolle ist natürlich ein sehr schönes Material. Das werden wir in einem zweiten Workshop in Pöllau machen. Und mit der gefärbten Wolle mit gecutteten Webrahmen kleine Kelims weben. Es geht in dem Workshop in Pöllau auch darum, die Sinne zu schärfen und wahrzunehmen, was der Geist des Ortes ist, was die Farben hier bedeuten. Was sind die Möglichkeiten genau jetzt an diesem Ort?
FarmLab macht aber noch viel mehr.
S.B: Wir beschäftigen uns auch mit Keramik. Vor kurzem haben wir ein sehr interessantes Experiment mit Künstler:innen durchgeführt, die sich mit dem 3D-Druck von Keramik beschäftigen. Gemeinsam mit ihnen haben wir herausgefunden, wie 3D-gedruckte Keramik mit der Raku-Technik veredelt werden kann. Wir arbeiten dabei mit einer ganz besonderen Raku-Technik, bei der keine Glasur verwendet wird – sie wird als "Ovara" oder "Baltic Raku" bezeichnet. Und so ist es uns gelungen, etwas völlig Neues wie den 3D-Druck von Keramik mit einer uralten Veredelungstechnik zu verbinden.
Also wieder eine Kombination von moderner Technik mit Tradition.
S.B: Genau. Dabei werden Traditionen wie das Häkeln oder die Spitzenklöppelei auf natürlicher Basis mit dem 3D-Druck kombiniert. So entstehen Spitzen aus Wurzeln oder 3D-gedruckte Keramik, die mit Jahrtausende alten Veredelungstechniken veredelt wird. Unser Ansatz besteht nicht darin, selbst Künstler zu sein, sondern vielmehr darin, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Künstler:innen ihre Forschung auf diese Kombination aus Handwerk und Technologie ausrichten und sie in Richtung Nachhaltigkeit vorantreiben können.
Wie ich das verstehe, ist es das, was du den Teilnehmer:innen deines Workshops vermitteln möchtest.
S.B: Beim Workshop für modulare Kleidungsstücke liegt es zum Beispiel an den Teilnehmer:innen, ein Modul zu entwickeln, das für sie selbst eine Bedeutung hat – das kann eine traditionelle Form aus ihrer eigenen Kultur oder ihrer Familie sein. Und mit der Laserschneidetechnik lässt sich das sehr schnell und präzise umsetzen. Formen, die selbst Symbole sein können, die zum Beispiel mit handwerklicher Tradition verbunden sind.
Kommen wir noch einmal auf die Welt zurück, die ihr zu euch auf den Hof holt.
S.B: Die Künstler:innen und Forscher:innen finden hier am FarmLab eine besondere Umgebung. Sie stimmen sich auf den Rhythmus des Hofes ein, sie entschleunigen und folgen dem Rhythmus der Natur. Wir helfen den Menschen, sich darauf einzustimmen. Und so verbinden wir die Welt mit der dörflichen Situation hier.
So hatten wir auch einen interessanten japanischen Künstler zu Gast, der die 400 Jahre alte japanische Technik namens Ukiyo-e weiterentwickelt hat. Er hat ein berühmtes Bild von Hokusai neu interpretiert. Er entwickelte eine Methode, bei der er die Zeichnung von Hokusai digital bearbeitete, um sie in vier oder fünf Farbebenen aufzuteilen, gegenüber den ursprünglich etwa 20 Farbplatten. Digital kann man die Ebenen einfach gruppieren. Er schnitzte sie nicht von Hand, sondern mit einer Fräsmaschine, also einer CNC-Maschine. So übernahm er nur den letzten Teil des Prozesses, nämlich den Druck, manuell, nachdem er digitale Werkzeuge zur Bearbeitung der Zeichnung und zur Erstellung der Holzplatten verwendet hatte.
Und das ist auch ein weiteres Beispiel dafür, wie etwas so Traditionelles wie eine 400 Jahre alte Technik dank der Verwendung digitaler Werkzeuge heutzutage ohne besondere Schnitzfertigkeiten ausgeführt werden kann, und so diese Technik am Leben erhalten und weiterentwickelt wird.
Lass uns darüber reden, wer sonst hierher kommt. Wie nimmt die Nachbarschaft euer Projekt hier wahr?
S.B: Oh, das ist eine gute Frage. Ich arbeite noch daran, mein Deutsch von Jahr zu Jahr zu verbessern, denn natürlich ist es sehr wichtig, dass dieses Projekt vor Ort verstanden und unterstützt wird. Wir veranstalten Tage der offenen Tür. Wir laden die Leute ein, sich anzuschauen, was wir machen. Sie sind überrascht, sie hätten nicht erwartet, so etwas hier zu finden. Es gibt immer einen Moment der Überraschung. Und dieses Projekt hat es uns auch ermöglicht, mit den internationalen und den lokalen Künstler:innen, die hier leben, in Kontakt zu treten – Leute, die wir ohne diese Plattform wahrscheinlich nie gefunden hätten.
Wir schaffen also eine Gelegenheit, mit diesen eher künstlerisch orientierten oder international geprägten Menschen in Kontakt zu treten, und wir spüren Neugierde, weil sie das nicht erwarten. Sie wussten nicht, dass diese Technologie tatsächlich so nah sein kann. Und wir versuchen auch, Projekte zu entwickeln, die für den jeweiligen Kontext Sinn ergeben.
Wir haben zum Beispiel ein weiteres Projekt "Museo Aero Solar", das wir diesen Sommer gemeinsam mit Doris Maninger umsetzen werden. Der argentinischen Künstler Tomás Saraceno hat diese Art von Solarskulptur erfunden, die im Grunde eine Balloninstallation aus gebrauchten Plastikfolien ist.
Wir sammeln den Kunststoff aus der Landwirtschaft, von Siloballen, oder aus Haushalten und lassen diese dann gemeinsam mit Nachbarn und mit Schulen zu Bahnen verbinden, die so gefaltet werden, dass sie eine Ballonform mit einem Durchmesser von etwa 15 Metern bilden. Die wird allein mit Hilfe eines Ventilators mit Luft aufgeblasen und von der Sonne erwärmt, und der Temperaturunterschied lässt diese Skulptur schweben. Dieses Projekt wurde vom Künstler ins Leben gerufen, um den massiven Einsatz von Plastik in unserer Umwelt anzuprangern. Auch wenn man heutzutage im Supermarkt in Österreich kaum mehr ein Plastiksackerl erhält, ist der Einsatz von Plastik in der Landwirtschaft nach wie vor massiv, und wir glauben, dass dies geändert werden sollte und kann.
Das sind so spannende Projekte, von denen du uns erzählst. Wir freuen uns, dass du uns in Pöllau einen Einblick in eure Arbeit gibst. Danke für das Interview Silvia!
